Serial Experiments Lain

Normalerweise würde ich jetzt mit einer Zusammenfassung der Handlung anfangen, oder mich zumindest an der Handlung entlang durch den Anime bewegen. Das funktioniert hier nicht, denn dazu ist der Story Baukasten von diesem Anime schon zu unaufgeräumt. Wenn sowas passiert, schau ich mal nach warum, problematische Produktion, unvollständig umgesetzte Vorlage die zu Fragmenten führt, was es so gibt.

Ich habe also gesucht und, alte Interviews mit dem Autor und einige weitere Informationen ergeben ein Bild, dass ich in der Serie wiederfinde. Zunächst hatte der Autor wohl das Ende noch nicht im Kopf als er den Anfang schrieb, und da war die Idee nun erstmal Horror, ein totes Mädchen schreibt anderen E-Mails.

Die Grundidee irgendwas mit Horror eskalierte wohl dann und bekam auch eine neue Richtung mit dem Regisseur. Also entwickelte sich von den Horror Ideen, über eine Geschichte über das Internet als virtueller Raum und zweite Realität, zu einer Geschichte darüber, was einen Menschen überhaupt real macht mit einer Mengen esoterischer und religiöser Symbole. Soweit zumindest sieht es erstmal aus, wobei ich beim letzten Punkt zumindest die große Idee was den Menschen real macht erstmal wegschiebe.

Das alles führt zu einer großen Menge offener Fäden die häufig wenig bis gar nicht erklärt werden. Der initiale Selbstmord einer Schülerin die dann Mails aus dem Jenseits schreibt, ist schnell wieder vorüber, etabliert aber zumindest die Idee vom Gott im Wired, also das was das Internet wird. Dann gibt’s ein Onlinespiel das für Tote sorgt und PSI-begabte Kinder die damals für ein Experiment gebündelt wurden und starben. Das kann als Demonstration für die Durchlässigkeit zwischen Wired und der realen Welt dienen, aber am Ende ist das wohl eher so ein Horror Fragment aus der ursprünglichen Idee. Die Schwester von Lain hat irgendwann eine Horror Episode und die endet mit ihrem verschwinden als sie ihre eigene Kopie im Flur sieht und danach degeneriert sie geistig. Das kommt so mittendrin und führt auch zu nichts Weiterem.

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Hier ist Netze Deutschland mit einer wichtigen Mitteilung…das Stromnetz, als Metapher mißbraucht.

Es gibt außerdem noch ein paar stand alone Dinge, Aliens in Rosswell die für die Handlung völlig irrelevant sind, es taucht dann im Freddy-Krueger-Pullover kurz mal ein klassisches Alien auf, einige dazwischengeworfene andere Sachen, die dann alle keinen direkten Payoff haben.

Wenn man das alles zurückschiebt haben wir als Haupthandlung etwa, Lain ist eine Mittelstufenschülerin und wohnt mit einer falschen Familie, die dort speziell wegen ihr engagiert wurde, zusammen. Sie erinnert sich nicht an ihre wirkliche Persönlichkeit und geht zur Schule, also warum sie diese Familie real als ihre wahrnimmt ist auch unklar. Ein Mädchen von ihrer Schule, das sie flüchtig kannte, begeht Selbstmord und schreibt E-Mails quasi aus dem Jenseits, oder eher dem Wired wo sie Gott gefunden hat und weiterlebt. Das triggert Lains Interesse an Computer und dem Wired, ihr Vater stellt ihr ein gutes Gerät hin und sie bekommt noch einen Spezialchip in der Schule in einem ominösen Umschlag in ihrem Schulschrank. Sie beginnt an der Hardware zuhause rumzubasteln und das Ding zu verbauen, und irgendwie verwandelt sich ihr Kinderzimmer in ein Rechenzentrum.

Sie stößt auf eine Hackergruppe die sich Knights nennen, eine seltsame Organisation die sich Tachibana Institut nennt und dem Programmierer Eiri der damals das neue Protokoll für das Wired mit seinem Persönlichkeitsprofil versehen hat und seit seinem Tod im Wired lebt und dort ist er Gott. Dieses Protokoll 7 scheint ein Rückgriff auf eine Debatte in den 90ern zu sein wo die TCP IP Adressen knapp wurden und man neue Protokolle brauchte.

Bis hierhin alles klar? Ja, selbst wenn man den Horrorkram und die Nebenkriegsbaustellen zurückschiebt ist das immer noch verworren. Wir haben dann noch nach der Hälfte der Serie eine Abhandlung über die Schumann Resonanz. Normalerweise mache ich mehr Witze in meinen Reviews, mittlerweile fällt mir das auf. Hilft nichts, hier bleibt mir nur weiter auszuholen. Die Schumann Resonanz ist eine elektromagnetische Resonanzen im Hohlraum zwischen Erdoberfläche und Ionosphäre; die Grundschwingung liegt ungefähr bei 7,8 Hz und das menschliche Gehirn liegt teilweise im selben Frequenzbereich. Da stellt die Serie eine Verbindung her, die Gehirne bilden quasi ein gemeinsames neuronales Netz und das führt dann zu einem kollektivem Unterbewusstem, also das was Jung mal postulierte.

Womit ich auch darauf eingehen muss, Jung meinte mit seinem kollektivem Unterbewusstem keine Funkverbindung zwischen Gehirnen und auch keinen gemeinsamen Datenspeicher, auf den Menschen telepathisch zugreifen. Jung dachte, Menschen würden bestimmte grundlegende Muster psychisch mitbringen, weil sie zur menschlichen Natur gehören. Daraus mach Lain, gleiche Frequenz, kollektives unterbewusstes Netzwerk.

Die seltsame Organisation Tachibana will die Knights ausschalten um Eiris Form im Wired zu entfernen und das Protokoll 7 umzuschreiben. Lain ist eigentlich eine Software die irgendwie einen Körper von Eiri bekommen hat und ihre reale Wired Persönlichkeit und ihre reale Schulmädchenperönlichkeit sind zunächst getrennt und fallen dann immer mehr ineinander. Dazu kommt ein Motiv, dass Erinnerungen und damit die Realität verändert werden kann und Lain das mit dem Wired tun kann.

Am Ende bringt das Umschreiben des Wired Tachibana nicht zum Ziel, die Verbindung über das kollektive Unterbewusste wird etabliert und Eiri bekräftigt seinen Gottesanspruch. Lain widerspricht ihm und erklärt er wäre wohl nur Ersatz für einen anderen ist, denn er hat das Wired nicht erschaffen. Das eskaliert in Eiris Ende, Lain entfernt sich aus allen Erinnerungen, und wird dann Jesuslike verführt selbst Gott zu werden, was sie ablehnt. Dann sitzt sie min einem goldenen Himmel am Tisch mit ihrem fake Vater und das soll wohl Gott darstellen, ist Lain damit Jesus die gerade der Verführung des Teufels widerstand?

Na gut, was am Ende bei der Reise durch den Anime übrig bleiben soll ist auch unklar. Ideen was einen zu einem Selbst macht, wurden von anderen Animes auch schon aufgeworfen, und irgendwie klarer herausgearbeitet als es Lain macht. Die Struktur des Animes macht es auch schwierig ihm zu folgen, was besonders an all den fragmentierten Ideen und Plotlines liegt und der esoterische Überbau ist auch extrem fuzzy. Es hilft auch nicht das viele Dialoge mit einer Frage und langem schweigendem Anstarren endet, das war teilweise sehr anstrengend. Was man am Ende von dem Anime mitnimmt erklärt der Autor im Interview auch bequem mit, das müsste jeder individuell entscheiden. Ich persönlich halte es für nicht vollständig klar, warum die Außenwahrnehmung meiner Selbst so direkt mein Ich ändern sollte, ich kann diese ablehnen oder gar nicht registrieren. Ich will jetzt nicht noch auf das Johari-Fenster eingehen das bei dieser Art das Ego zu konstruieren reinspielen könnte.

Ich ende mit der Erkenntnis, Lain hat Potential, aber ist viel Stückwerk und hätte eine ordnende Hand gebraucht. Also, zumindest könnte ich so enden.

Ich möchte aber noch einen weiteren Ansatz dazugeben, denn ein Aspekt der Serie, also eine Sache die sie darstellen will ist, dass Zusammenhänge nicht mehr zuverlässig erkennbar sind, wenn unsere Realität mit der Wired Realität vermengt wird. Wenn man dann die Struktur der Serie sieht, hätte Lain seine fragmentarische Natur quasi produktiv eingesetzt, das verloren fühlen wäre dann Teil des Erlebens dieser Serie. Denn die Informationen nach ihrer Herkunft und ihrer Zuverlässigkeit zu sortieren fällt über die Serie hinweg schwer, und das wäre schon fast visionär mit Blick auf unser heutiges Internet. Ich weiß nicht ob es das für mich besser macht, aber man kann sicherlich von vielen Seiten an die Sache rangehen, das wäre eine davon.

Also ende ich mit, interessant…

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